Intuitive Fahrzeuge und Automotive User Experience

by Audrey Matarage, 09.12.2020

Intuitive Fahrzeuge und Automotive User Experience

by Audrey Matarage, 09.12.2020

Audrey MatarageExpert User Experience

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Vor einigen Wochen hatte ich auf der Intuitive Vehicle Conference in Stuttgart die Gelegenheit, die neuesten User Experience-Trends im Automobilsektor mit einigen Branchenkolleg*innen zu diskutieren.
Seitdem haben mich mehrere Personen nach dem Inhalt der Diskussion gefragt, so dass ich beschlossen habe, Ihnen einige Einblicke zu einigen Themen zu geben, die wir diskutiert haben.

Zunächst einmal, was ist User Experience (UX) und warum ist sie in der Automobilindustrie und weiteren Sektoren wichtig?

Warum ist UX in Fahrzeugen so wichtig?

Wenn Sie im Web surfen oder durch Ihre sozialen Medien scrollen, können Sie den Eindruck gewinnen, dass die User Experience, oder UX, auf dem Vormarsch ist. Und in der Tat, das ist etwas, das mir auch im Gespräch mit unseren Kunden auffällt.

Aber was genau ist User Experience?

Die User Experience umfasst alle Aspekte der Interaktion des Endnutzers mit einer Dienstleistung oder einem Produkt, von der Kauf- oder Nutzungsabsicht über die Nutzung selbst bis hin zum Ende der Nutzung des Produkts oder der Dienstleistung. Grundsätzlich können wir also die User Experience in drei Teile unterteilen: vor – während & nach der Nutzung eines Produkts oder einer Dienstleistung.

Häufig wird User Experience auf Design reduziert. Es wird mit UI (User Interface oder manchmal User Interaction) Design oder Usability, wo der Schwerpunkt tatsächlich auf allgemeines Design, grafischen Elementen und Layouts und deren Nutzungsweisen liegt, verwechselt. Doch UX ist so viel mehr als das! Bei UX geht es nicht nur um Design! Nehmen Sie den Musik-Streaming Dienst Spotify zum Beispiel. Jetzt wo wir uns dem Jahresende nähern, bietet Spotify seinen Mitglieder*innen das Jahr 2020 musikalisch Revue passieren zu lassen, in einer personalisierten Weise.

Dabei geht es um viel mehr als nur Musik hören. Spotify gibt Einblicke darin, wie der Nutzer das Produkt genutzt hat und zeigt z.B. Ihre oder Seine Lieblingsartist*innen, -Lieder oder -Podcasts an. Die Marke regt also einen dazu an darüber mit Freunden oder der Familie zu sprechen oder zu diskutieren („Du hast 20 Stunden Podcasts gehört? Ich sogar 45!“). So formt Spotify Funktionalitäten, die über das eigentliche Produkt hinaus gehen und somit die User Experience der Nachnutzungsphase verbessern.

Abstrahiert bedeutet das, dass die User Experience wichtig ist, sobald Sie Produkte oder Dienstleistungen entwerfen, entwickeln oder verkaufen.

Letztendlich werden sie gekauft, verwendet und hoffentlich von Kunden empfohlen, so dass die User Experience eine grundlegende Komponente dieses Prozesses ist.

Ein Aspekt davon ist auch, dass die Benutzer über die verfügbaren Optionen Bescheid wissen. In einer unserer Beobachtungsstudien zum Beispiel, wurden die Teilnehmer*innen angewiesen, in ihrem Fahrzeug Musik zu hören. Einer der Benutzer nahm sein Smartphone heraus, stellte es in der Mittelkonsole auf und drückte auf Play – ohne das Telefon mit dem Fahrzeug verbunden zu haben!
Die Musik wurde direkt vom Smartphone abgespielt. Das teure Soundsystem im Auto blieb ungenutzt. Die Möglichkeit, das Smartphone mit dem Fahrzeug zu verbinden, war in diesem Fall für den Teilnehmer nicht selbsterklärend. (Wenn Sie weitere lustige Anekdoten aus unserer täglichen Arbeit lesen möchten, schauen Sie sich diesen Artikel an, den mein Kollege Arne Bachmann geschrieben hat)

Die Berücksichtigung der User Experience in Bezug auf Fahrzeuge ist gerade jetzt besonders interessant, weil wir an einem Wendepunkt angelangt sind.Tatsächlich wurde UX in Fahrzeugen, im Vergleich zu anderen Konsumgütern in der Vergangenheit nicht die Bedeutung beigemessen, die ihm gebührt.
Es passieren gerade mehrere Sachen gleichzeitig:

Die Komplexität von Technik, Funktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Fahrzeug wächst – und die Nutzer werden zunehmend überfordert.

Gleichzeitig verändern und prägen andere Konsumgüter und Dienstleistungen wie Telefone, Bank- und Zahlungsvorgänge oder Online-Shopping die Erwartungen der Kunden grundlegend. „Vorsprung durch Technik“, also das Wetten auf Technik allein reicht nicht mehr aus; es bietet keinen dauerhaften Vorteil mehr. Die Erfahrung mit einem Produkt oder einer Dienstleistung ist zu einem wesentlichen Differenzierungsmerkmal geworden. Nehmen Sie zum Beispiel Tesla. Die Marke positioniert sich durchgängig als digitale Marke mit einem nahtlosen Kundenerlebnis. Und wenn es um die damit verbundenen Dienstleistungen geht, ist dies tatsächlich der Fall. Tesla ist ein Spitzenreiter für Dienstleistungen, die man schnell und einfach benutzen kann. Sobald Ihr Fahrzeug ausgeliefert ist, können Sie alle damit verbundenen vernetzten Dienste nutzen. Sie müssen lediglich eine Verbindung zu Ihrem Konto herstellen (welches Sie während des Bestellvorgangs erstellt haben), und schon können Sie loslegen! Dies ist ein Merkmal, dass die Marke im Vergleich zu anderen Herstellern wirklich hervorhebt.

Nicht zuletzt werden die Nutzungsformen von Fahrzeugen immer vielfältiger. Früher kaufte man ein Auto, besaß es mehrere Jahre lang, verkaufte es und kaufte das nächste. Jetzt kann man ein Auto kaufen, ein Auto leasen, ein Auto mieten, ein Fahrzeugabonnement haben oder Carsharing nutzen. Die Benutzer dieser verschiedenen Fälle haben auch unterschiedliche Bedürfnisse. Carsharing-Benutzer, die das Fahrzeug nur einige Stunden lang fahren, haben zum Beispiel keine Zeit, das Fahrzeug und alle seine Funktionen richtig kennen zu lernen.

Und das ist etwas, was man bei der Gestaltung eines Fahrzeugs oder einer bestimmten Funktion berücksichtigen muss.

Wie können Sie also UX erfolgreich in Ihrem Unternehmen und Ihrer Produkt- oder Dienstleistungsentwicklung implementieren? Hier sind einige Erfahrungen von mir und meinen Kollegen.

Was sind die 3 wichtigsten Lektionen, bei der Entwicklung von UX?

Das Allererste, worauf Sie sich konzentrieren sollten, ist die Denkweise. Sie müssen sicherstellen, dass der Kunde und seine Bedürfnisse wirklich im Mittelpunkt der Produkt- und Dienstleistungsentwicklung stehen. Ich würde eine Parallele zu „agil“ ziehen. Nur weil Sie die Worte „agil“ oder „Sprints“ verwenden oder einen Scrum Master in Ihrem Team haben, heißt das noch lange nicht, dass Sie agil arbeiten. Dasselbe gilt für UX. Es reicht nicht aus, eine UI-Designerin zu haben. Sie müssen sicherstellen, dass jede*r im Projekt/innerhalb der Organisation eine benutzerzentrierte Denkweise teilt – und zwar auf allen Ebenen! Sie haben viel gewonnen, wenn Sie sich die Zustimmung und das Verständnis des Managements gesichert haben.

Dies bezieht sich auf mein zweites Argument: Verantwortung und Befähigung. UX muss eine Stimme und Macht haben. Dies gilt sicherlich nicht nur für User Experience-Themen, doch Sie sollten die Verantwortlichkeiten innerhalb Ihres Teams definieren und diese Mitglieder auch befähigen. Es ist kontraproduktiv, wenn Ihr Entwicklungsteam, einschließlich der UX-Designer*innen, Forscher*innen und Co. eine Entscheidung trifft, nur damit jemand aus dem Top-Management die Entscheidung umstößt, weil er oder sie einen anderen Geschmack oder eine andere Meinung hat. Leider ist dies ein Schicksal, das ich nur allzu oft erlebe.

Drittens: Testen & validieren, testen & validieren, testen & validieren. Scheuen Sie sich nicht, die Benutzer frühzeitig in den Prozess einzubeziehen, verwenden Sie einen MVP-Ansatz und entwickeln Sie in Iterationen. Die Entwicklung während Jahren hinter verschlossenen Türen kostet Sie viel Geld, ohne Garantie, dass die Dienstleistung oder das Produkt von den Benutzern gemocht, gekauft oder verstanden wird. Sobald Sie sagen: „Ich glaube, dass meine Kunden XYZ wollen oder mögen“ … denken Sie noch einmal nach! Sie wollen Ihren gesamten Entwicklungsprozess nicht nur auf Vermutungen basieren! Wenn Ihre Annahmen nicht durch Daten untermauert werden, sprechen Sie mit Ihren (potentiellen) Benutzern, lassen Sie sie Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung zu testen, um harte Beweise zu erhalten.

„In Ordnung“, höre ich Sie sagen, „Ich habe ein großartiges Team, das eine kundenzentrierte Denkweise teilt, das definierte Verantwortlichkeiten hat und welches es nicht erwarten kann, Produkte mit Hilfe der Zielnutzer zu entwickeln… was nun? Was soll ich auf der operativen Seite tun?“

Automotive UX-Design-Betrieb: Rollen, tools & Arbeitsabläufe – Best Practices

Wenn es um Tools geht, ist es eigentlich egal, welche Sie benutzen, solange alle im Unternehmen diese teilen und Zugang zu ihnen haben. Ich würde Ihnen jedoch raten, „statische“ Tools wie Excel oder PowerPoint soweit es geht zu vermeiden. Sie brauchen Tools, mit denen Inhalte und Konzepte interaktiv und kollaborativ gezeigt und verändert werden können.

Wenn es um Arbeitsabläufe und Rollen geht, würde ich Teams oder Gruppen empfehlen, in denen alle verantwortlichen Personen vertreten sind. Das wäre nahe an einem agilen Team. In Bezug auf die UX-Rollen würde ich argumentieren, dass es nicht darum geht, „die perfekte“ UX-Rolle zu haben, sondern vielmehr sicherzustellen, dass alle Beteiligten schnell und effizient kommunizieren. Und sicherzustellen, dass die Teams in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen.

Und dies erfordert eine Schlüsselmaßnahme, die Sie vielleicht schon gehört haben (vielleicht zu oft) – Silos aufbrechen! Doch es stimmt! Wenn Sie die Barrieren zwischen Teams und Abteilungen niederreißen, können Sie bessere Produkte und Dienstleistungen entwerfen und entwickeln. Die Reorganisation aller Teams und Organisationsstrukturen ist eine große Aufgabe, und Sie haben vielleicht nicht die Mittel, dies zu tun. Aber ein großartiger und einfacher Weg zu Beginn ist es, es sich zur Gewohnheit zu machen, Interessenvertreter*innen und Mitglieder anderer Teams zu einigen Meetings und Arbeitssitzungen Ihres eigenen Teams einzuladen. Auf diese Weise können alle Beteiligten eine Rolle im Entwicklungsprozess spielen und einen sinnvollen Beitrag zum Projekt leisten.

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Dies bezieht sich auch auf meinen letzten Punkt in Bezug auf UX Best Practices. Eine der wichtigsten und am meisten unterschätzten Maßnahmen: Stellen Sie sicher, dass Sie ein vielfältiges Team haben und dass Sie alle einbeziehen! Forscherinnen, wie z.B. S. Schneider V. Eckl1 haben gezeigt, dass ein vielfältigeres Team, kreativere und umfassendere Lösungen und Produkte hervorbringt. Ein diverses Team zu haben bedeutet auch, dass mehr Perspektiven berücksichtigt werden. Dies verbessert die Gesamtqualität der Produkte und kommt den Anwender*innen massiv zugute.

Zurück zu den Fahrzeugen! Was passiert, wenn wir dort UX anwenden? Beginnen wir insbesondere Mit dem HMI …

Wie sieht ein intuitives HMI-konzept aus?

Wenn man mir diese Frage stellt, erwartet man oft, dass ich ein bestimmtes System oder bestimmte Funktionen beschreibe. Es gibt jedoch keine einzige definitive Antwort auf diese Frage. Intuition ist etwas sehr Persönliches. Sie ist abhängig vom mentalen Modell und den (erworbenen Gewohnheiten) der Kunden/Nutzer. Nehmen Sie eine*n normale*n BMW-Fahrer*in. Er oder sie wird sich an den iDrive-Controller (einen großen runden Knopf, den man drehen oder drücken kann) gewöhnt haben, um das Infotainment-System zu steuern. Bei unseren Benutzertests stellen wir oft fest, dass dies ein Element ist, das sie vermissen, wenn sie in einem Fahrzeug einer anderen Marke sitzen. Sie würden zum Beispiel sagen, dass ihnen die Steuerung des Infotainmentsystems über ein Touch- Display nicht gut genug ist, da sie ein haptisches Feedback benötigen. Wie intuitiv ein HMI wirklich sein wird, hängt also vom Benutzer ab.

Aber natürlich möchte ich Sie nicht mit einer so unbefriedigenden Antwort zurücklassen. Es gibt verschiedene Trends, die wir sicherlich feststellen konnten.
Zunächst einmal erwarten Nutzer, dass die Produkte gewisse Ähnlichkeiten mit anderen Produkten aufweisen, die sie regelmäßig verwenden. Das Beispiel wird oft zitiert, aber es ist immer noch relevant: das Smartphone. Wenn Fahrzeuge Displays haben, die wie Tablets aussehen, und Funktionen, die von Smartphones inspiriert wurden, dann erwarten die Kunden ein ebenso gutes, wenn nicht sogar besseres Erlebnis als auf ihren persönlichen Geräten – eine knifflige Aufgabe, wenn man den Zeitunterschied der Entwicklungszyklen von Handys und Fahrzeugen bedenkt.

Ein weiterer Trend ist die 3.-Anbieter-Integration bzw. die Nutzung des bestehenden (digitalen) Ökosystems des Kunden. Mehrere Fahrzeugmarken bieten z.B. die Möglichkeit, Musik über 3.-Anbieter zu hören (einige ausgewählte Beispiele: Volvo oder Tesla bieten eine Spotify-Integration an, BMW integriert Napster und Deezer, Mercedes bietet Tidal oder Amazon Music an). Der Benutzer kann sich so mit seinem eigenen Konto verbinden oder ein vom OEM zur Verfügung gestelltes Konto nutzen und seine Musik. Polestar tut dies mit Google. Wenn ein*e Fahrer*in sein/ihren Polestar 2 zum ersten Mal einrichtet, kann er/sie es direkt mit einem Google-Konto verknüpfen, was den Einrichtungsvorgang beschleunigt. Da das Betriebssystem von Polestar 2 auf Android Automotive – einem Google-System – basiert, kann der/die Fahrer*in das System in vollem Umfang und auf personalisierte Weise nutzen.

„Weniger ist mehr“ ist auch ein Trend, der sich fortgesetzt hat. Ein recht extremes Beispiel dafür ist das Fahrzeug Tesla Model 3, das nur einen markanten Bildschirm in der Mittelkonsole hat und von dem aus der/die Fahrer*in fast alle Fahrzeugfunktionen steuert. Andere Marken, wie Polestar mit seinem Polestar 2, folgen ebenfalls diesem Trend und verwenden ein flaches Design und Menüs mit sehr wenigen Ebenen (mit Ausnahme der Privatsphäre-Einstellungen. Es gibt sie, aber Sie werden sich wahrscheinlich ein wenig umsehen müssen, um sie zu finden). (Übrigens, wenn Sie detaillierte Einblicke in den Polestar 2 haben wollen, lade ich Sie ein diesen Artikel, den mein Kollege Fabian Hillig geschrieben hat, zu lesen).

Die Vereinfachung der Menüstrukturen kann den Bedienungsaufwand und die kognitiven Kosten für die Benutzer reduzieren. (Aber auch hier geht die Einfachheit des Designs nicht notwendigerweise mit einer höheren Intuition einher, wie einige Tesla-Fahrer bewiesen haben, die zu viel Zeit für die Suche nach und die Steuerung von so etwas Grundlegendem wie Scheibenwischern benötigen, was letztlich zum Crash ihres Fahrzeugs führt ²).

Schließlich ist der Kontext entscheidend. Die Berücksichtigung des kulturellen Hintergrunds und des emotionalen Zustands der Benutzer ist von großer Bedeutung. Eine Geschäftsfrau, die regelmäßig auf Autobahnen pendelt, sollte sich vergewissern, dass sie den schnellsten Weg nimmt und unterwegs ein paar Anrufe entgegennehmen kann. Eine Familie auf Urlaubsreise hingegen möchte vielleicht eine landschaftlich reizvolle Route nehmen und etwas Musik hören, um die Kinder im Fond zu beschäftigen. Die Geschäftsfrau könnte entspannter sein, weil sie die Route kennt; der Fahrer im Familienszenario könnte, aufgrund unbekannter Routen und der Aufregung im Fahrzeuginneren, unter mehr Stress stehen. Dies sind sehr unterschiedliche Kontexte und emotionale Zustände; wichtige Faktoren, die in der Entwicklungsphase zu berücksichtigen sind. Das klingt ziemlich offensichtlich, aber es gibt immer noch Raum für Verbesserungen und die OEMs berücksichtigen diese Tatsache mehr und mehr, wie wir im nächsten Teil sehen werden.

Neben dem kulturellen Hintergrund und dem emotionalen Zustand umfasst der Kontext auch weitere Aspekte der User Journey (ein Begriff, der die Erfahrung eines Benutzers mit einem Produkt von Anfang bis Ende beschreibt). Ein wichtiger Teil ist die Verwendung von Touchpoints und anderen Elementen, die während der Reise verwendet werden. Nehmen Sie zum Beispiel BMW. Schon vor einigen Jahren konnten Sie Ihren BMW X5 mit Ihrem Telefon entriegeln, nicht mit einer Lock-Unlock-Funktion in einer App, sondern einfach, indem Sie Ihr Smartphone nahe an den Türgriff hielten. Ihr Telefon hatte sich in einen „digitalen Schlüssel“ verwandelt! Gleichzeitig bot BMW die Möglichkeit, Ihr Smartphone drahtlos über Apple CarPlay in Ihrem Fahrzeug zu spiegeln. Klingt nach einer großartigen Erfahrung! Allerdings war die drahtlose Spiegelfunktion nur für iPhones und die digitale Schlüsselfunktion nur für Android basierte Smartphones verfügbar! Aus Kundensicht eine unbefriedigende Kombination. Seitdem hat BMW jedoch sein Spiel aufgerüstet und seit diesem Jahr kann man auch ein iPhone als digitalen Schlüssel verwenden.

Dies wirft nun die Frage auf: Welches HMI können Sie verwenden, um das Erlebnis im Auto so intuitiv wie möglich zu gestalten? Und wie kommt Multimodalität ins Spiel?

Welche Rolle spielen multimodale HMIs in Fahrzeugen? Und wie kann sie für die Benutzer von nutzen sein?

Multimodalität in der HMI ist ein Trend, den wir bereits seit einigen Jahren beobachten, seit Touchscreens, Gesten- und Sprachsteuerung Einzug in die Fahrzeuge gehalten haben.

Multimodalität ist, einfach ausgedrückt, die Steuerung eines Produkts, in unserem Fall des Fahrzeugs und seiner Funktionen, mit Hilfe verschiedener (sensorischer) Eingabemodi. Wie bereits erwähnt, können einige Funktionen z.B. über Spracheingabe, Gestensteuerung oder Touchscreens gesteuert werden. Eine same Aufgabe (z.B. das Setzen eines neuen Navigationsziels) kann also mit verschiedenen Eingabemethoden (z.B. per Spracheingabe oder über einen Touchscreen) ausgeführt werden. Man könnte eine Aufgabe auch mit mehreren Methoden ausführen (z.B. beginnend mit einem Sprachbefehl und dann über den Touchscreen).

Die Vielfalt der Eingabemodi hat zugenommen. Und die Modi selbst werden immer besser. Die Sprachsteuerung zum Beispiel hat in den letzten Jahren eine dramatische Verbesserung erfahren, da sie von festen Sprachbefehlen auf natürlichsprachliche Interaktion umgestellt wurde. Mercedes zum Beispiel hat 2018 sein neues MBUX-System mit dieser Funktion beworben. Das System würde einen Satz wie „Mir ist kalt“ verstehen und die Heizung aufdrehen. Heutzutage ist das Fahrzeug sogar in der Lage zu erkennen, ob der Fahrer oder der Beifahrer spricht, und passt die Temperatur auf der/den entsprechenden Seite(n) an. Hier wird es richtig spannend:

Stellen Sie sich vor, dass das Erkennen der sprechenden Person nicht nur darauf beruht, wo die Person im Fahrzeug sitzt, sondern auf der Person selbst. Das System könnte dann benutzerzentriert und personalisiert reagieren. Wenn zum Beispiel eine ältere Person mit dem System spricht, könnte es mit einer höheren Ausgangslautstärke oder mit einer langsameren Antwort reagieren. Gleichzeitig könnte das Fahrzeug einige Funktionen einschränken, die nur vom Fahrer genutzt werden können, und die Rechte der Fondpassagiere einschränken.

Auch bei der Entwicklung des Porsche Taycan berücksichtigte Porsche diesen nutzerzentrierten Ansatz, da das Fahrzeug über eine Beifahreranzeige verfügt. Der Beifahrer hat die Möglichkeit, bestimmte Funktionen wie Musik oder Navigation zu steuern (nicht aber Fahrzeugfunktionen wie Fahrwerkseinstellungen) und kann dies auf praktische, benutzerzentrierte Weise tun, indem er das Display vor sich nutzt.

In dem Maße, wie der Gesetzgeber mehr Fahrer- und Fahrgastüberwachung in seine Vorschriften integriert (z.B. Euro NCAP in seiner Roadmap 2025), werden die Fahrzeughersteller wahrscheinlich ihre Eingabemodi erweitern, um nicht nur direkte Eingaben und Befehle, sondern auch einige indirekte Warteschlangen wie Ausdrücke und Emotionen von Fahrer und Fahrgästen zu erkennen. Mehrere Zulieferer und Fahrzeughersteller haben einige Beispiele vorgestellt, bei denen Fahrzeuge die Emotionen der Insassen erkennen und darauf reagieren, indem sie die Umgebungsbeleuchtung, die Musik oder die Raumbeduftung verändern.

All dies eröffnet eine Welt voller Möglichkeiten, wenn man über die Kombination der verschiedenen Elemente nachdenkt. Doch wo soll der Fokus liegen?

Wir haben gesehen, dass die Automobilindustrie der User Experience immer mehr Bedeutung beimisst. Die zunehmende Komplexität in der Technologie macht dies zu einer Notwendigkeit. Und wie wir gerade gesehen haben, könnte diese Komplexität noch zunehmen. Die Konzepte, die ich soeben erwähnt habe, klingen recht „ausgefallen“ und futuristisch, und es ist sicherlich noch ein weiter Weg bis zu ihrer vollständigen Integration in Fahrzeuge. Ich persönlich bin jedoch der Meinung, dass sich die OEMs, bevor sie sich mit diesem Thema befassen, auf die Verbesserung bestehender Funktionen und die Beseitigung von Hindernissen konzentrieren sollten, die die aktuelle User Experience beeinträchtigen. Letztendlich besteht die wahre Herausforderung darin, dafür zu sorgen, dass alle Teams, von der Entwicklung bis zum After-Sales-Bereich, Hand in Hand arbeiten, um eine nahtlose und spannende User Experience für den Endkunden zu gewährleisten. Das erfordert offene Denkweisen, eine Erhöhung der Teamvielfalt und eine größere und offenere Kommunikation.

Lassen Sie uns genau das tun – reden!
Dies sind meine Gedanken und Erkenntnisse zu diesem Thema. Was sind Ihre? Sind Sie einverstanden? Sind Sie anderer Meinung? Und vor allem: Warum? Was auch immer Ihre Meinung zu diesem Thema ist, ich würde gerne hören/lesen, was Sie denken!

Quellen:

1 S. Schneider V. Eckl (2016), “THE DIFFERENCE MAKES A DIFFERENCE: Team diversity and innovative capacity”

2 Fred Lambert, 2020: „Tesla’s wiper controls are ruled illegal in Germany after someone crashed while using them

Notiz: Manche erwähnten Funktionen sind nur in ausgewählten Märkten verfügbar.

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